 |
 |
 |
| |
Rezension(en): |
|
 |
| |
Eine Million Akten aus den Archiven der damaligen Finanzbehörden dokumentieren den lebhaften Handel, den die Volksgemeinschaft "ganz legal" mit jüdischem Eigentum trieb. Der Düsseldorfer Politikprofessor Dr. Wolfgang Dreßen...machte sich an die wissenschaftliche Bearbeitung der Dokumente und ließ die Ergebnisse in die Ausstellung "Aktion 3 - Deutsche verwerten jüdische Nachbarn" einfließen. |
|
| |
Neues Deutschland (14. Juni 2001) |
|
| |
Eine Ausstellung zur „Arisierung“ jüdischen Eigentums
Im Februar 1944 kaufte der Oberregierungsrat der Stadt Köln, Dr. Thomas, groß ein. Für über 2000 Reichsmark besorgte sich Thomas Hausrat: unter anderem ein komplettes Herrenzimmer, eine Couch, Schrank, Spiegel und Kaffeemühle. Die Sachen waren gebraucht, sie wurden von der Oberfinanzdirektion Köln zusammengestellt – aus den aufgelösten Haushalten der deportierten Juden der Stadt. Thomas war Chef nämlicher Oberfinanzdirektion, und er bekam in diesen Tagen viel Post. Denn alle wollten teilhaben am großen Schlussverkauf jüdischen Besitzes.
Die Akten, die diese mit „Aktion 3“ und „Aktion M“, M für Möbel, getarnten Versteigerungen und Verkäufe jüdischen Besitzes belegen, sind fast alle gesperrt. Sie gelten als Steuerakten und stehen als solche der Forschung nach dem Archivgesetz von 1988 erst 80 nach Abschluss des Verfahrens, also frühestens 2020 zur Verfügung. Ein misslicher Tatbestand, denn diese Bestände offenbaren in eindringlicher Weise den materiellen Nutzen, den die deutsche Bevölkerung aus der Vernichtung jüdischer Bürger gezogen hat. Ab Herbst 1941 waren Versteigerungen des Hausrats und Grundbesitzes deportierter Juden in ganz Deutschland und in den besetzten Gebieten gang und gäbe. Die kommunalen Finanzbehörden kündigten die Auktionen öffentlich an, die Einnahmen aus den Verkäufen flossen in die Finanzkassen.
Dem Düsseldorfer Politologen Wolfgang Dreßen gelang es 1998 mit Hilfe der Oberfinanzdirektion Köln, erstmals eine Auswahl dieser Dokumente aus den Archiven zu holen. Diese Aktenfunde hat er zu einer inzwischen viel besprochenen und umstrittenen Wanderausstellung zusammengestellt, die jetzt nach zweijähriger Tour im Rathaus Kreuzberg in Berlin angekommen ist.
Zur Ausstellungseröffnung wurde jedoch in die Humboldt-Universität eingeladen, denn eigentlich wollte Dreßen seine Dokumentation hier zeigen. Warum die Universitätsleitung ihr Haus der Ausstellung versperrte, bleibt unklar. Sicher gibt es datenschutzrechtliche Probleme – Dreßen hat die in den Dokumenten genannten Namen nicht geschwärzt – und eine mitunter schwer erträgliche spektakuläre Präsentation der Dokumente. Genügt das als Grund, der Ausstellung wortlos die Tür zu weisen? Bis heute fehlt bis auf ein kurzes Schreiben jede Begründung der Universität gegenüber den Ausstellungsmachern für ihre Ablehnung. Für Andreas Nachama, Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Berlins, bleibt die Entscheidung unverständlich: „An der Humboldt-Universität hatte ich vorausgesetzt, dass man sich mit diesen Problemen beschäftigt und sie nicht einfach verdrängt“. Und für Michel Friedmann vom Zentralrat der Juden in Deutschland, der die Ausstellung seit Jahren unterstützt, steht die Ablehnung der Hochschule konsequent für jene Haltung „der Kinder und Enkelkinder, die sich nicht mit den Taten ihrer Eltern und Großeltern auseinander setzen wollen“.
Über diese Haltung und den ihr entgegengesetzten Tabubruch der Ausstellung diskutierte das bei der Eröffnung anwesende Publikum ausgiebig. Denn die von Dreßen dokumentierten Raubaktionen auf dem Höhepunkt des Holocaust umgibt bis heute ein Schein von Legalität. Sie schienen formaljuristisch abgesichert und die Nutznießer konnten sich auch nach 1945 darauf verlassen, dass die Finanzämter diese Aktionen gegenüber Wiedergutmachungsanträgen für „ordnungsgemäß“ erklärten. Die Empörung über diese Haltung und den aus ihr resultierenden restriktiven Umgang mit den Akten prägt die Ausstellung und das Podium ihrer Eröffnung, das Kritik an der Art und Weise der Präsentation und Auswahl der Dokumenten nicht zulassen wollte. Die Kritik am fehlenden Datenschutz kam von zwei Vertretern der Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“, was für Unruhe im Saal sorgte und Michel Friedman zu der bissigen Bemerkung veranlasste, hier gehe es wohl eher um Täter- als um Datenschutz. Die in der Ausstellung fehlende Einbeziehung bereits bestehender Studien zum Thema wie die von Frank Bajohr zur „Arisierung“ in Hamburg oder ähnliche Projekte wie die des Fritz-Bauer-Institutes wurden gar nicht angesprochen.
Auch die Humboldt-Universität hat die Chance auf diese notwendige wissenschaftliche Diskussion verpasst. Immerhin hat sie den Ausstellungsmachern ihre Räume für das bis Mitte Juli laufende Begleitprogramm zum Thema „Arisierung“ geöffnet.
Die Ausstellung im Rathaus Kreuzberg ist bis zum 16. Juli täglich von 10-18 Uhr geöffnet.
|
|
| |
FAZ (21.06.00) |
|
 |
|
| |
|
|
 |
 |
 |
 |
Betrifft: "Aktion 3"
Deutsche verwerten jüdische Nachbarn. Dokumente zur Arisierung
Ausgewählt von: Wolfgang Dreßen, Kommentiert von: Wolfgang Dreßen
Broschur, 253 Seiten,
Aufbau-Verlag
978-3-351-02487-1
20,00 € *) / 38,70 Sfr

|
|
 |
 |
 |
| |
Inhalt: |
|
 |
| |
Betrifft: „Aktion 3“. Deutsche verwerten
jüdische Nachbarn
Eine Ausstellung zur „Arisierung“
von Gegenständen des täglichen Gebrauchs
Vom 9. November 2003 bis 25. Januar 2004
Montag bis Freitag
9 – 21 Uhr
in den Schulferien
9 – 18 Uhr
Samstag und Sonntag
nach Vereinbarung
Führungen auf Anfrage
Bezirksamt
Steglitz–Zehlendorf
von Berlin
Abteilung Bildung,
Kultur, Sport
& Bürgerdienste
Victor-Gollancz-Volkshochschule
Eintritt frei
Vorherige Anmeldung
erbeten:
Telefon 63 21-23 01
Fax 63 21-23 76
jedwabski-r@stegl-zehl.verwalt-berlin.de
Leitung:
Prof. Wolfgang Dreßen, Arbeitsstelle Neonazismus an der Fachhochschule Düsseldorf
Assistenz:
Gabriele Frank
Als Berlin-spezifische Ergänzung wurde freundlicherweise ein Teil der Ausstellung „Verfolgung und Verwaltung - Die Rolle der Finanzbehörden bei der wirtschaftlichen Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung in Berlin“ des Kunstamts Tempelhof-Schöneberg in Kooperation mit der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz zur Verfügung gestellt.
In Kooperation mit:
ver.di, Fachkommission Steuerverwaltung
Wissenschaftlich-pädagogische Mitarbeit: Lorraine Bluche
„... Die großen Arisierungsgewinnler wurden nach und nach bekannt. Aber wie steht es um die nette Nachbarin von nebenan, die sich die Wäsche der deportierten Juden legal ersteigerte? „Wir haben nichts gewusst.“, „Wir haben nichts Unrechtes getan“, dies stimmt und unterstreicht den Schrecken des „legalen“ Handelns. Die Nachbarn wussten, dass die Wäsche aus dem Schrank der deportierten Familie stammte. Sie wussten auch, dass diese Familie nicht zurückkehren würde, um Rechenschaft zu verlangen. Alles Weitere kann vernachlässigt werden, wenn das zuständige Finanzamt seinen Gerichtsvollzieher zum Leiter der Versteigerung ernannt hat. Hierüber berichten die gesperrten Akten: Nahezu jede „ausgebombte“ Familie saß an einem Tisch, der aus dem Besitz ehemaliger jüdischer Nachbarn stammte oder aus den Wohnungen der Juden im besetzten Europa heran geschafft worden war. Auch in diesen Fällen wurde offen dokumentiert, dass es sich um „das Vermögen des Juden – der Jüdin ...“ handelte, wie es in den Rechnungsvordrucken hieß. ...
Aus dem Vorwort zum Ausstellungskatalog „Betrifft:
Aktion 3“, Aufbau-Verlag Berlin, 1998
Kataloge in der VHS, Raum 111, erhältlich
Programm:
Sonntag, 16. November 2003, 10 Uhr
Dieter Fitterling,
Historiker:
Stadtspaziergang zu Orten der „Arisierung“ in Lichterfelde und Giesensdorf.
Treffpunkt: Haus der Weiterbildung, Rathaus Lichterfelde, Foyer
Dienstag, 18. November 2003, 19 Uhr
Hilde Schramm, Dr. phil., u.a. Erziehungswissenschaftlerin:
„Zurückgeben“ - Stiftung zur Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft möchte zur neuen Entwicklung jüdischen Lebens in seiner Vielfalt in Deutschland beitragen. Sie tut dies im Wissen über dessen Zerstörung während der NS-Vergan-genheit und die Vorteilsnahme vieler aus der Ausplünderung und beruflichen Verdrängung jüdischer Bürger.
Dienstag, 2. Dezember 2003, 19 Uhr
Fritz Teppich, Bruder von Mela Kempinski:
Die „Arisierung“ von Kempinski
Dienstag, 13. Januar 2004, 19 Uhr
Klaus Dieter Gössel, ver.di:
Die Rolle der Reichsfinanzverwaltung bei Verfolgung und Vernichtung der deutschen Juden.
Podiumsdiskussion
zum Ausstellungsende
Sonntag, 25. Januar 2004, 11 Uhr
Deutschlands lange Schatten – Zum Umgang mit „Arisierungen“ nach 1945
Dr. Götz Aly,
Historiker
Dr. Hilde Schramm,
Erziehungswissenschaftlerin
Prof. Dr. Wolfgang
Dreßen, Politologe
Moderation:
Annette Ehmann, Historikerin und Pädagogin
Schwartzsche Villa
Grunewaldstraße 55, 12163 Berlin,
Großer Salon
Januar 2004:
Filmisches, literarisches und musikalisches Begleitprogramm im Filmtheater Bali in Zehlendorf
Wie Staat und Nachbarn vom Mord profitierten: Die alltägliche Bereicherung am Besitz deportierter Juden
Die "Endlösung der Judenfrage" war gründlich vorbereitet; weder das staatliche Gewaltmonopol noch die bürgerliche Ordnung wurden angetastet. Vor der Deportation teilte der zuständige Regierungspräsident jedem Juden, Erwachsenen wie Kindern, mit, daß ihr Besitz legal dem Staat "verfällt".
Die von den Nazis mit der Verwaltung des jüdischen Vermögens betrauten Ämter haben "präzise" gearbeitet, wie Tausende Akten der Oberfinanzdirektion Köln belegen, von denen der Historiker Wolfgang Dreßen exemplarische Dokumente für dieses Buch ausgewählt hat. Die Wohnungen wurden geräumt und neu vermietet, Immobilien taxiert und und veräußert. Die IG-Farben erwarben einen jüdischen Friedhof, Schulen kauften Möbel, die Universität Bonn Bücher, "arische Nachbarn" Teppiche, Wäsche, Kartoffeln. Speditionen verdienten am Transport von "Juden-Mobiliar" aus Belgien, Holland oder Frankreich. "Ausgebombte" Familien kamen so preiswert wieder zu einem Tisch oder Bett. Aus den Quittungen der Finanzbeamten ging eindeutig hervor, daß es sich um "Eigentum des Juden / der Jüdin / verschiedener Juden" handelte, doch offenbar hatte niemand Skrupel bei den "legalen Geschäften". Als wenige Überlebende nach dem 8. Mai 1945 Wiedergutmachung forderten, wiesen oft dieselben Beamten ihre Ansprüche zurück.
Diese Publikation erzwingt neues Nachdenken über die Rechtmäßigkeit einer Legalität und eines Profitstrebens, die in Kauf nehmen, daß Menschen restlos verwertet werden. Die im Buch und in der gleichnamigen Wanderausstellung dokumentierten Vorgänge haben sich so oder ähnlich in allen deutschen Städten und Dörfern ereignet, in denen damals Juden lebten.
|
|
 |
|
|